Eine Kurzgeschichte

Der Zweifel*

(*Diese Geschichte wurde zuerst auf „Markus` Bücher – Wir stellen unsere Bücher vor“ veröffentlicht und darf kostenlos gelesen sowie unter Verweis auf meine Autorenschaft kopiert und geteilt werden; sonstige Rechte verbleiben bei mir.)

„Es sind immer die Götter, die unser Leben durcheinander bringen“, schnaufte Elmar und schaute die anderen vielsagend an. „Mal hü, mal hott, man weiß doch nie, was einen als Nächstes erwartet.“
Azeem, der Jüngste der Truppe, wandte sich ein wenig von ihm ab. „Du sollst nicht so über die Götter sprechen, das schickt sich nicht! Willst du, dass sie ihren Zorn über uns bringen?“
Elmar seufzte schwer und setzte sich neben die anderen beiden. Er holte ein paar mal hörbar Luft, als wolle er etwas mitteilen, beließ es dann aber jedes Mal bei einem Schnaufen. Azeem und der nicht mehr ganz so junge junge Mister Summer waren derlei schon gewöhnt und störten sich nicht daran; Elmar gehörte zu denen, die ohne eine gewisse Grundtheatralik einfach nicht auskamen. Er war einfach nicht glücklich, wenn er nicht auf ein gewisses Tagespensum an Jammerei kam.
„Manchmal“, verkündete Elmar schließlich verdrossen, „habe ich das Gefühl, dass uns die Götter gar nicht zuhören, mehr noch, dass sie uns gar nicht verstehen KÖNNEN!“
Das war selbst für den jungen Mister Summer zu viel.
„Bist du irre?“, bellte er. „Wie kannst du es wagen, so etwas zu sagen? Dass die Götter uns nicht verstehen könnten – das ist Blasphemie!“
Er stand auf und begann, hin und her zu laufen. „Wie kommst du nur auf diese absurde Idee? Wenn uns die Götter nicht verstehen könnten, dann wäre … dann wäre …“
„Dann wäre alles umsonst“, half ihm Azeem kummervoll aus. „Dann wäre ja nun wirklich alles und jeder sinnlos. Wozu wäre das Leben dann gut?“
„Muss das Leben denn überhaupt zu gut sein?“, schnaubte Elmar.
Azeem schnappte erschrocken nach Luft. „Aber natürlich!“
„Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.“
Mister Summer erhob sich erneut und schaute wütend auf den noch sitzenden Freund herab. „So ein Gerede ist unser nicht würdig, und Deiner auch nicht. Was ist nur los mit Dir? Wir alle führen ein gutes Leben. Du hast ein schönes Heim, immer genug zu essen und zu trinken. Und wenn es Dir schlecht geht – und jetzt sei bitte ehrlich – haben Dich die Götter da je im Stich gelassen?“
„Nein“, musste Elmar zugeben. „Du hast Recht, es geht mir gut. Aber ist das wirklich genug?“
Azeem legte den Kopf schief. „Was willst Du denn noch? Und wie kommst Du darauf, dass die Götter unser Leben durcheinanderbringen? Ich gebe zu, dass sie schon oft etwas von mir verlangt haben, das ich nicht verstanden habe. Aber so ist das nunmal: ihr Tun bleibt unserem Sinn oft verborgen. Immerhin sind sie die Götter und wir bloß-“
„Und das findest Du gerecht?“ Jetzt kam Elmar voll in Fahrt. „Dass SIE über alles bestimmen und uns bleibt nichts, als ihren Befehlen zu folgen und ihnen blind zu vertrauen?“
Mister Summer nickte gewichtig. „Das ist es, was Glauben ausmacht. Genau das, alter Freund. Mal ehrlich: Wenn wir nicht mehr daran glauben, dass die Götter uns zuhören, wenn wir an ihrer Weisheit und ihren Befehlen zweifeln, dann … dann bleibt doch nichts mehr?“
„Aber wie könnte jeder Gott und jede Göttin allwissend und weise sein?“ Azeem atmete tief durch und fuhr dann zaghafter fort: „Immerhin gibt es so viele von ihnen und sie scheinen sich nicht immer einig zu sein. Wer sagt, dass meiner der einzig wahre ist?“
„Das ist auch so eine Sache“, nickte Mister Summer. „Jeder von uns hat seinen Gott oder seine Göttin, der er Treue und blinden Gehorsam geschworen hat. Was aber, wenn sich zwei Götter widersprechen?“
„Genau. Und wie können dann irgendwelche Regeln allgemein gültig sein, außer der, dass jeder auf seinen persönlichen Gott zu hören hat?“
„Ich weiß es nicht.“ Elmar ließ den Kopf hängen. „Vielleicht ist das alles auch nur ein Test und man kann sich in Wirklichkeit auf gar nichts mehr verlassen. Man kann nur sein Leben leben, wie man es für richtig erhält, und ob die Götter einen nun belohnen oder bestrafen liegt nur begrenzt in unserer Macht. Vielleicht machen sie auch einfach was sie wollen und scheren sich weder groß um das, was wir sagen, noch, um das, was wir tun. Die Götter mögen allmächtig sein und vielleicht gab es mal eine Zeit, in der sie uns zugehört haben. Aber das ist lange vorbei, glaubt mir.“
„Ich werde Dir nicht mehr länger zuhören“, erklärte Mister Summer. „Mag sein, dass unser Verstand zu klein ist, das Wesen der Götter zu erfassen und zu verstehen, was sie von uns wollen. Aber das ist noch lange kein Grund, so daherzureden. Ich glaube fest daran, dass die Götter uns noch zuhören, und auch, wenn ich die Befehle meines Gottes und der anderen nicht immer verstehe, heißt dass nicht, dass sie uns aufgegeben hätten. Suhl dich von mir aus in Deinen geheuchelten Elend, Elmar. Sag Bescheid, wenn Du wieder vernünftig geworden bist. Aber bis dahin lass mich in Ruhe!“
Mister Summer kehrte seinen Freunden den Rücken.
„Oh“, machte Elmar, nun doch etwas bedrückt, „jetzt ist er sauer.“
„Das gibt sich sicher wieder“, erwiderte Azeem halbherzig.
„Schon gut, Kleiner!“ Elmar schüttelte den Kopf. „Ich habe mich ja wirklich etwas hinreißen lassen. Ich sollte meinem Gott danken und das solltest Du auch tun. Mister Summer hat schon Recht: Wir alle haben ein liebevolles Zuhause, uns allen geht es gut. Wie könnte es dann anders sein, als das unsere Götter uns lieben?“
Mit diesen Worten ließen Elmar und Mister Summer Azeem allein und verwirrt zurück.

Zuhause angekommen will sich die sonst so gewohnte Behaglichkeit einfach nicht einstellen. Der Gedanke, dass die Götter ihnen gar nicht mehr zuhören würden, hat sich in Azeems Herz eingenistet und Zweifel gesät, er ist wie ein Jucken, das von Innen kommt.
Nach einer Weile gibt er es auf und geht zu den Brüdern. Sie thronen wie immer weit über ihm, sitzen Schulter an Schulter und dösen vor sich hin.
„Ahhh“, sagt Leon nach einer Weile und nickt Azeem zu. „Eben noch träumte ich von den bunten Schreien und den schrillen Farben eines Regenwaldes!“
„Woher willst Du denn wissen, wie es in einem Regenwald aussieht?“, schimpft sein Bruder liebevoll. „Du bist doch noch nie dort gewesen.“
Leon pfeift ärgerlich. „Ach halt doch den Schnabel! Woher willst Du das wissen?“
„Weil ich mein ganzes Leben lang nicht von Deiner Seite gewichen bin, Du Grünschnabel!“ Luke legt seinen Kopf an Leons Schulter.
„Nun denn, junger Freund“, wendet sich Leon endlich an Azeem. „Womit können wir Dir heute dienen?“
Azeem kratzt sich hinter dem Ohr. „Meinst Ihr, dass …“
„Nur raus mit der Sprache, Kleiner!“
„Meint Ihr, dass die Götter uns noch zuhören, wenn wir zu Ihnen sprechen?“
„Du meine Güte!“, kichert Luke. „Wie kommst Du denn auf solche Ideen?“
Sein Bruder schüttelt den Kopf. „Ich wette, das war wieder Elmar, dieser alte Hund. Weißt Du noch damals, als er Azeem diesen Floh ins Ohr gesetzt hat?“
„Als wäre es gestern gewesen. Schließlich hatten wir alle darunter zu leiden.“ Leon seufzt. „Also?“
„Ja.“ Azeem schaut betreten zu Boden. Er kommt sich schäbig vor, wenn auch ohne Absicht seinen älteren Freund verraten zu haben. „Er meint das gar nicht böse, es ist nur-“
„Solche Zweifler sind uns nicht fremd.“, schnaubt Luke. Er weist auf alles um sich herum. „Die Götter haben all das hier geschaffen. Sie sorgen für uns, es mangelt uns an nichts. Und wenn wir Kummer haben oder Schmerzen leiden, dann kümmern sie sich darum, dass es uns bald wieder besser geht.“
„Manchmal aber auch nicht“, wirft Azeem ein. „Eurer Schwester haben sie nicht geholfen.“
Leon schaut Azeem betrübt, aber gefasst an. „Wir müssen alle einmal sterben, kleiner Freund. Nur die Götter wissen, wie lange jedem von uns Zeit in dieser Welt gegeben ist, bevor wir unsere Körper verlassen und in die nächste hinüber wandern.“
„Glaubst Du denn, die Götter hören uns noch zu?“
„Natürlich!“ Luke nickt. „Das tun sie, kleiner Freund, ganz zweifellos. Überleg doch mal: Wie sonst wäre es möglich, zu träumen?“
„Oh ja“, bestätigt Leon „Du bist noch jung, aber wir sind schon länger hier und ich sage Dir: Vertrau auf die Götter! Tu, was immer sie Dir sagen, bemühe Dich stets, Ihrem Willen zu dienen. Verlass Dich auf ihre Liebe und Güte.“
„Hör auf zu zweifeln“, sagt Luke freundlich. „Hab Vertrauen, befreie Dich von Deiner Angst. Natürlich hören uns die Götter zu – wie sollte es auch anders sein?“
Ruckartig hebt Azeem den Kopf, ein Schlüssel wird ins Türschloss gesteckt. „Ich muss los, danke!“
Und schon hechtet er davon.
„Wenn ich das nächste Mal Elmar sehe, ziehe ich ihm das Fell über die Ohren!“, schnattert Luke empört.
„Ach, lass gut sein“, meint Leon und steckt seinen Kopf unter den rechten Flügel. „Lass uns lieber zusammen ein Schläfchen machen und vom Regenwald träumen.“

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