Anders als ich

Diese Tage las ich endlich mal wieder ein richtig gescheites Buch.

„Ein gescheites Buch“ bedeutet bei mir – da ist ja jeder anders – dass ich mich richtig reinschmökern konnte. Mitdenken war angesagt, aber nicht so, dass es anstrengend wurde. Die Handlung bot genügend Sicherheit, um sich stets zurechtzufinden (mit Büchern, die in fiktiven Welten spielen, habe ich manchmal meine Schwierigkeiten und finde leider nicht immer hinein); dennoch gab es eine Menge überraschende Wendungen, die den Spannungsbogen stets aufrecht hielten.

Meine Rezension zu „Wonders Macht“ von meinem lieben Kollegen Mika Jänisen folgt noch.

Was mich aber wieder einmal total begeistert hat ist die Tatsache, dass der Kollege so ganz anders schreibt als ich!

Immerhin spielen unser beider Bücher im heutigen Europa, wir orientieren uns also in Etwa an der selben Welt. Dass dabei inhaltlich etwas total anders herauskommt, ist ebenso logisch wie verblüffend.

Was mich aber wirklich fasziniert ist, dass Mika vom Stil her so ganz anders schreibt als ich!

Es ist heutzutage viel Einheitsbrei unterwegs; gerade in der Prosa sind Schreibstile unterwegs, die ich nicht voneinander unterscheiden könnte, und wenn mein Leben davon abhinge.
Es gibt Kollegen und Kolleginnen, die mit Absicht „massentauglich“ schreiben; andere wiederum wollen um jeden Preis auffallen, anecken, anders sein.

Ich schreibe, wie ich schreibe. Zumindest, wenn es um Romane geht, bemühe ich mich nicht um einen bestimmten Stil: ich schreibe einfach.
Bei Gedichten, Essays und Kurzgeschichten sieht das schon anders aus. Da spiele ich gerne mit der Sprache herum, probiere Neues aus. Wenn man aus der Ich-Perspektive eines Erzählers schreibt, muss man sich als Autor natürlich diesem Erzähler anpassen. Ein Arzt benutzt ein anderes (Fach-)Vokabular als ein Schreiner. Wer noch nicht lange in Deutschland ist, mag einen noch nicht richtigen Satzbau haben und wer gestresst ist, flucht schonmal wie ein Kesselflicker usw. (Wobei Personen unter 20 vermutlich diesen Ausdruck garnicht mehr benutzen würden).

Dennoch klingt der ganz eigene Schreibtsil – so denn vorhanden – immer durch. Behaupte ich mal. Und weiter behaupte ich mal, dass man den auch nur mit sehr viel Mühe und Not überschreiben kann.

Ich könnte etwa ohne Mühe eine (gute!) Kurzgeschichte schreiben, die aus lauter Bandwurmsätzen besteht. Oder eine, bei der ich die Sprache auf ein Minimum reduziere.

Mal ausprobieren, ich beschreibe einfach mal eine Szene. Erst normal, dann „verbandwurmsatzt“ und dann reduziert.

1. „Normal“:
„Sie seufzte. Der Kaffee in ihrer Tasse war längst kalt geworden. Dennoch nahm sie probehalber eine Schluck. Widerlich, nicht mal mehr lauwarm!
Sie könnte aufstehen, in die Küche gehen und sich einen neuen Kaffee aufbrühen. Doch irgendetwas hielt sie davon ab. War es der graue Himmel, der schon seit Stunden Regentropfen auf die Erde fallen ließ? Der kalte Lufthauch, der immer wieder aus der Ritze unter dem schlecht gedämmten Fensterrahmen zu ihr hinüberwehte und sie stets frösteln ließ? Oder weil sie wusste, dass sie vermutlich auch der nächsten Kaffee über ihre Grübeleien  kalt lassen werden würde?“


2. „Verbandwurmsatzt“
„Ihr Seufzen wurde von dem kalten Lufthauch, der immer wieder zwischen den Ritzen des schlecht gedämmten Fensterrahmens hinkam, weggeweht, ebenso, wie sich der Duft des vormals heißen Kaffees mittlerweile in den Raum verflüchtigt hatte. Der unaufhörliche Regen, der von den grauen Wolken eines tristen Himmels bereits seit Stunden ausgespuckt wurde, wusch nicht nur den Feinstaub aus der Luft, sondern auch, zumindest schien ihr das so, alles an Motivation und Freude aus ihrem Leben.“

(Verflixt: Diese Version gefällt mir gerade viel besser! :D)


3. Kurz und knapp.

„Seit Stunden Regen. Der Kaffee längst kalt. Es zog und sie fröstelte, während sie weiter durch die Fensterscheibe ins Nichts starrte.“


Verflixt, jetzt gefallen mir alle Versionen! 😀

Egal. Hier sieht man hoffentlich deutlich, was ich meine. Jede dieser Versionen hat wie ich finde etwas für sich. Mein „Komfortstil“ ist aber eindeutig die erste Variante. Ich könnte einen Text in einer der andern beiden Formen schreiben, keine Frage, aber würde mich das irgendwann nerven, mir zu anstrengend werden. Schreiben ist immer Arbeit, klar, aber, hm, das wäre in etwa so, als müsste ich den ganzen Tag lang in einem Abendkleid herumsitzen: Mal ist das sicher toll und man fühlt sich großartig! Aber irgendwann sehnt man sich doch nach dem, worin man sich eben auch in Alltagssituationen wohler fühlt.

Ich jetzt behaupte ich einfach wieder mal – ich könnte Mika ja auch einfach fragen, fällt mir da ein, :D.
So, erledigt, und Mika hat meinen Verdacht bestätigt: Er schreibt auch einfach so, ohne darüber nachzudenken.
Wir denken die ganze Zeit nach, WAS wir WIE schreiben; aber dabei geht es um den Inhalt, weniger um den Stil.

Und nun komme ich zu dem, was mich so verblüfft und erfreut: Mika schreibt ganz anders als ich! Ganz anders! Mit ganz anderen Satzkonstruktionsvorlieben. Und mit ganz anderen Inhaltsschwerpunkten.

Logisch, dass auch die Wörter, die wir verwenden, unterschiedlich sind. Aber die Art, wie wir etwas beschreiben und vor allem auch, WAS wir beschreiben, ist so unterschiedlich, dass ich beim Lesen des Buches immer wieder innegehalten und gestaunt habe.

Verschiedene Arten der Beschreibung sind oft der Textgattung geschuldet: In einem Gedicht muss jede Silbe sitzen, in einer Kurzgeschichte (fast) jedes Wort. Da schreibt man „dichter“, es geht ja garnicht anders.
Je länger der Text, desto mehr Zeit hat man als Autor. Schreibt man dennoch „dicht“, kann es sein, dass es dem Leser sehr anstrengend wird, am Ball zu bleiben (siehe „Das Dichte, das Weite und das Dazwischen„).

Eine normale Stadt in Deutschland muss ich dem Leser nicht en Detail beschreiben, eine exotischere Stadt dagegen schon. Oder doch nicht?

Was muss beschrieben werden, was nicht?
Es gibt Autoren und Autorinnen, die sich in ausführlichsten Landschaftsbeschreibungen ergehen. Oder jeden Millimeter eines Bauwerkes verbildlichen. Das äußere Erscheinungsbild einer Person kann knapp, ausführlich oder auch garnicht beschrieben werden.
Die Gefühle einer Person? Auch da unterscheiden sich die Schriftsteller untereinander. Manche beschreiben ausführlich, was ein Protagonist empfindet, andere benutzen nur „Show, don`t tell“, bei dem eigentlich garnichts an Gefühlen erklärt, sondern nur gezeigt wird („Seine Hände begannen zu zittern“ statt „Er hatte Angst“), oder natürlich Mischformen.
Bei Ereignissen wird es noch interessanter, denn sie bieten sich besonders gut für (versteckte) Andeutungen an.

Worauf ein Autor/in seinen/ihr Augenmerk legt, ist aber auch unabhängig vom Inhalt grundverschieden. Wie erkläre ich das nur so, dass Ihr versteht, was ich meine?
Mit einem Rezept!

Ich teile mit Euch mal unser leckeres Gemüse heute. Und das geht so:

Variante 1:
Zutaten (für 3-4 Portionen):
– 1 kleine Weißkohl oder 1/2 großer
– 1-2 Zwiebeln
– 4 Scheiben Schinkenspeck
– 1/2 rote Paprika
– 1 EL Sonneblumenöl
– 1 EL Erdnussöl
– 1 TL Salz
– 1 Ecke Streichkäse

Schneidet Kohl, Zwiebeln, Schinkenspeck und Paprika in kleine Stücke und bratet alles in dem Öl, bis der Kohl durch ist. Anschließend mit Ernussöl und Salz abschmecken und Käse unterrühren. Guten Appetit!


Variante 2:
Nehmt eine Pfanne mit hohem Rand oder einen Wok. Das ist wichtig, damit später beim rühren nichts danebengeht. Wer keine hohe Pfanne oder einen Wok hat, kann auch einen großen Topf nehmen.
Schneidet 1-2 Zwiebeln in kleine Stücke und bratet sie auf mittlerer Heizstufe in ca. 1 Esslöffel Sonnenblumnenöl an. Schneidet eine rote Paprika auf, entfernt die Kerne und die weißen Stellen und schneidet dann eine Hälfte ebenfalls in kleine Stücke. Die gebt ihr dann mit in die Pfanne.
Nehmt jetzt einen kleinen Weißkohl oder einen halben ganzen, entfernt mit einem Messer den Strunk und schneidet ihn in ca. 2x2cm große Stücke. Gebt den Kohl mit in die Pfanne und rührt um.
Jetzt nehmt ihr noch 4 Scheiben Schinkenspeck, schneidet oder reißt sie klein und gebt sie mit in die Pfanne.
Das Ganze muss jetzt ungefähr 30 Minuten garen. Rührt zwischendurch immer mal wieder um. Der Kohl ist dann durch, wenn er sich weich kauen lässt.
Nun gebt noch einen Esslöffel Erdnussöl dazu (das muss aber nicht) und einen halben Teelöffel Salz. Wenn möglich, gebt noch eine Ecke oder 3-4 Teelöffel Streichkäse hinzu. Das Gemüse ist fertig, sobald der Käse geschmolzen und verrührt ist.


Variante 3:
1/2 Weißkohl, 1-2 Zwiebeln, 1/4 rote Paprika und 4 Scheiben Schinkenspeck braten, bis der Kohl durch ist. Anschließend eine Ecke Streichkäse unterrühren und mit Erdnussöl und Salz abschmecken.


Die erste Variante ist zweckmäßig gegliedert und vor allem hilfreich in Sachen Einkaufsliste. Sie setzte voraus, dass die Leser wissen, wann Weißkohl ungefähr durch ist.

Die zweite Variante ist für Kochanfänger bestens geeignet. Auffällig ist hier, dass das Kochgerät beschrieben wird, in Variante 1 dagegen überhaupt nicht. Auch erfährt der Leser nur in der ersten Variante, für wie viele Personen das Gericht gedacht ist.

Variante 3 setzt ebenso wie die erste vorraus, dass die Leser wissen, wie man eine Paprika schneidet bzw. welche Teile man lieber nicht verwendet. Sie geht weiter davon aus, dass die Leserwissen, wie groß ein durchschnittlicher Weißkohl ist. Das Sonnenblumenöl zum braten wird nicht erwähnt; es wird davon ausgegangen, dass das Prozedere eines einfachen Bratvorgangs bekannt ist.

Jede Variante hat ihre Vor- und Nachteile. Die erste punktet mit ihrer Übersichtlichkeit, ist aber auch recht lang. Noch länger ist die zweite, die mir persönlich zu ausführlich und zeitraubend wäre. Die dritte Variante bietet keine „Einkaufsliste“, ist dafür aber kurz und knackig.

Das Schöne ist: Mit jeder dieser Anleitungen lässt sich eine leckere Gemüsebeilage kochen!

Genauso empfinde ich es auch beim schreiben: Es gibt viele Möglichkeiten, eine tolle Geschichte zu erzählen! Kein Stil ist „der Richtige“ und jeder hat etwas für sich.
Selbst bei gleichem Inhalt – angenommen etwa, Mika und ich sollten beide das Märchen von Hänsel und Gretel als Kurzgeschichte schreiben – kämen mitunter ganz unterschiedliche Sachen dabei heraus.
Weil wir zwar alle irgendwie gleich sind, aber doch jeder anders ist als ich.
Genial, oder?

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Das Dichte, das Weite und das Dazwischen

Der Zufall wollte es, dass ich mir kurz hintereinander drei Bücher kaufte. (Bzw. kaufen musste. Allerdings würde dieser „Zwang“ vor einem Gericht sicherlich nicht standhalten.)

Eines davon war wie Kaffee, eines wie ein Espresso und eines wie Spühlwasser.

Das erste Buch kaufte ich aus der Not heraus nicht in einem Buchladen, sondern dort, wo es außer einer sehr eng begrenzten Auswahl nichts gibt.

Diese „sehr eng begrenzte Auswahl“ ist leider fast immer die selbe: 08/15-Thriller, irgendwas Historisches mit einer „emanzipierten“ Frau als Hauptprotagonistin, Krimis. Allerdings nur ca. 3 verschiedene, dafür X Stück derselben Reihe. Ach ja, und irgendwas „fürs Herz“.

Versteht mich nicht falsch: Ich lese gerne Krimis, auch mal 08/15-Thriller und auch ab und zu Historisches mit einer „emanzipierten“ Frau als Hauptcharakter. Aber doch nicht immer!
Da ich aber leider mobil eingeschränkt war, begnügte ich mich mit einem akutellen Titel der Bestsellerliste.
Kaffee, eindeutig.

Das Buch war ganz gut geschrieben, die Charaktere bis auf zwei für mich wirklich nervige Sachen gut geschildert, wenn auch nur so tief, wie es für einen normalen Thriller benötigt wird, die Geschichte solide und spannend erzählt.

Kaffee eben:
Lecker bis köstlich, brauche ich auch jeden Tag, aber von zu viel bekomme ich Sodbrennen.
Oder ein „Einmalbuch“, wie ich oft sage.

Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die ein Buch immer nur einmal lesen. Ich bevorzuge aber solche, die ich mindestens zweimal lesen kann. Weil sie eben nicht nur von einer großen Erkenntnis, DER Offenbarung schlechthin oder der Ergreifung eines Täters leben.
Dieses Buch war ein Einmalbuch und von daher ganz OK. Nur von solchen Büchern könnte ich allerdings nicht leben. Büchern, die nichts bei mir hinterlassen. Denen ich zwar dankbar bin, mich ein paar Stunden unterhalten und abgelenkt zu haben, aber auch nicht mehr. Fast schon wie Fastfood. Dementsprechend wollte ich reichhaltigere Kost!

Ich organisierte mir eine Fahrt zum für mich nächstgelegenen Buchhandel: Einem Bahnhofsbuchgeschäft.
Dieses Geschäft genießt meine Sympathie, weil es ein gutes Comicangebot hat, Lokalliteratur ausstellt und – lieder mittlerweile oft Mangelware! – ein Regal für Fantasy hat.
Ein Buch sprach mich auch direkt an: Ein dicker Schmöker in Sachen Fantasy, Cover genial, Klappentext verheißungsvoll! Der Preis eher saftig, aber der Dicke des Buches durchaus angemessen – nehm ich!

Die Ernüchterung folgte schnell. Wer immer diesen Klappentext verzapft hat (das Buch war im Original auf Englisch, als hat das nicht der Autor verhunzt), gehört gelinde gesagt nochmal an den Anfang seiner/ihrer Ausbildung gesetzt und das Buch selbst … puh! Logikfehler, die mich echt genervt haben (was schon was heißt, denn über Kleinigkeiten lese ich gern hinweg), schwache „Lösungen“ und alles in allem viel Lärm um … ja um was eigentlich?

Auf Seite 142 habe ich frustriert abgebrochen (und hätte es auch früher getan, hätte ich Zugang zu einer Lesealternative gehabt). Unfassbar schlecht, dieses Buch. Es wundert mich mittlerweile nicht mehr, dass dieses Buch ca. 600 Seiten umfasst, sie werden ja auch benötigt! Seitenweise unnützes Blabla, dem Leeser wird jeder einzelne Gedanke vorgekaut. Nichtigkeiten und Klischees wechseln sich ebenso ab wie blasse Charaktere und die ständig im Raum schwebende Frage „Und???“
Spühlwasser, eindeutig.

Ich hätte dieses Buch vielleicht etwas weniger harsch beurteilt, wäre ich dann nicht auf ein „Espresso-Buch“ gestoßen!

Enttäuscht habe ich dann organisiert, dass ich kurz zu einem meiner LIeblingsbuchläden fahren konnte. Dort bat ich, verzweifelt und am Ende meiner Kraft, die Buchhändlerin um Hilfe. Und bekam sie.
Das Buch, das ich jetzt lese, ist der Hammer! Und ein echter Espresso.
Was heißt das?

Es gibt Bücher, die sich gut und flüssig lesen. Und es gibt Bücher, bei denen man jeden Satz langsam und voll konzentrierter Aufmerksamkeit lesen muss. Wirken lassen muss. Und genauso ist dieses Buch.
Das Kaffee-Buch lies sich sauber, flüssig und ohne Anstrengung lesen. Das Spühlwasserbuch weniger: Zwar war die Sprache recht sauber, aber die lästigen und nervigen Logikfehler ließen mich immer wieder stocken.

Dieses Buch nun liest sich weder flüssig, noch schnell. Es ist nicht erholsam, es zu lesen, man kann dabei nicht entspannen. Nein, man muss genau aufpassen. Mitdenken. Eine Unachtsamkeit und man hat etwas überlesen.
Anstrengend ist das. Definitiv nichts für ein Sonnenbad am Strand oder „mal eben kurz fünf Minuten lesen, bevor ich los muss!“ Und nebenbei fernsehen ist auch nicht drin.
Aber es lohnt sich.
Dieses Buch besteht quasi nur aus Essenzen und hinter jedem Satz verbirgt sich eine ganze Welt. Na gut, vielleicht nicht ganz so viel. Aber auf jeden Fall sehr viel mehr. Der Autor schafft es mühelos, so viel mit so wenig Worten zu sagen. Alles ist gehaltvoll, präzise, essentiell.
Würde man das Spühlwasserbuch auspressen und dieses Konzentrat dann noch sieben, auskochen und trocknen lassen und dann mit einem Tropfen Kaffee einrühren, DANN hätte man so ein Espressobuch. Vielleicht.

Der Spagat zwischen literarischem Anspruch und Inhalt gelingt nicht immer. Ich kenne viele Bücher, die zu lesen mir einfach zu anstrengend ist. Lesen soll Vergnügen bereiten und nicht in Arbeit ausarten!
Dennoch liebe ich auch einige Bücher, in die ich nur unter Mühen hineinfinde; es lohnt sich.

Bei jedem Menschen verläuft diese Grenze anders. Was für den Einen zu seicht ist, ist für den Anderen ein willkommenes Entspannen. Was dem Einen zu anstrengend ist, liefert dem Anderen die dringend benötigte Herausforderung. Geschmäcker sind verschieden – zum Glück.

Dennoch sollte die Qualität eines Buches stimmen und ich ärgere mich wirklich über dieses Spühlwasserbuch, bei dem nicht nur der Autor, sondern auch der Lektor/die Lektorin geschlafen haben muss. Und das gleich zweimal, denn es handelt sich ja um ein ins Deutsche übersetztes Werk. Wieso, frage ich mich bei solch einem Schund, hat der Verlag den freien Programmplatz an sowas verschwendet, statt das neue Projekt eines heimischen Autors zu fördern oder einem Debütanten eine Chance zu geben?
Jemand sagt mir, dass der „Schaden“ sich für den Verlag ja in Grenzen halte: Gekauft und bezahlt ist das Buch ja schon!
Das ist aber sehr kurzsichtig gedacht, den erstens bekommt das Buch eine gepfefferte Negativrezension von mir (zumindest bis Seite 142) und zweitens werde ich Bücher aus diesem Verlag erstmal nicht mehr kaufen: Wenn das ein Beispiel für die Qualität der dort verlegten Bücher ist, dann bitte ohne mich!

Und jetzt mache ich mich wieder an mein Espressobuch. 🙂

Wie man sich auf eine Lesung vorbereitet 3: Die Auswahl der Textstellen

(Hier der Link zu Teil 1: „Der Rahmen der Lesung“ und zu Teil 2: „Das Lesen an sich“ )

Es gibt bei Prosalesungen eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Man trägt eine oder mehrere Kurzgeschichte vor oder Auszüge aus einem längeren Text. Dieser Beitrag hier beschäftigt sich mit der Textauswahl aus einem Roman.

Zwei Dinge sind für die Textauswahl entscheidend: Der Inhalt des Textes und die Dauer der Lesung.

Die erste Entscheidung, die es zu treffen gilt, ist einfach: Liest man den Anfang des Buches vor und dann einfach weiter, oder trägt man verschiedene Textstellen vor?
a) Man liest von Anfang an vor und dann einfach weiter
Diese Vorgehensweise hat den unschätzbaren Vorteil, dass man nichts erklären muss. Je weniger Zeit einem zur Verfügung steht, desto weniger Zeit hat man, seine Welt, in der Vergangenheit liegende Motive seiner Protagonisten usw. zu erklären.
b) Liest man verschiedene Textstellen vor, hat man den Vorteil, dass man zum Beispiel mehrere Hauptpersonen vorstellen kann, auch wenn eine erst an späterer Stelle auftaucht. Außerdem kann man sich die spannendsten Stellen aussuchen – und die hoffentlich kaufwilligen Zuhörer mit einem fiesen Cliffhanger zurücklassen.
Aber Vorsicht: Wenn man es mit der Cliffhangerei übertreibt, hinterlässt man beim Zuhörer ein Gefühl der Unzufriedenheit; schließlich will man etwas für sein Geld (oder zumindest seine Zeit) geboten bekommen!

Solche Tabellen erstelle ich mir für jede Lesung und drucke sie aus. Hier mein „Blättchen“ zur meiner ersten 20 Minuten-Lesung. Wie Ihr sehen könnte, rechne ich pro Buchseite 1,5-2 Minuten, das variiert immer ein wenig und richtet sich nach der Zeichenzahl. Da hilft nur Eins: Zuhause laut vorlesen und dabei die Zeit stoppen. In Oberhausen bin ich mit den obigen Texten zuzüglich Erklärungen übrigens nur haarscharf hingekommen, da hatte ich mir etwas viel vorgenommen.

Es gibt Geschichten, bei denen nur eine chronologische Lesung Sinn ergibt; wann das der Fall ist, vermag ich nicht zu pauschalisieren, das hängt natürlich stark vom Inhalt ab.

Je weniger Zeit mir zur Verfügung steht, desto zusammenhängender lese ich meine Szenen. Bei lediglich 10 Minuten Lesezeit macht es bei meinem Buch wenig Sinn, zwei Szenen zu lesen; dann suche ich mir eine Stelle aus, die etwa 7 Minuten in Anspruch nimmt. Die restliche Zeit kalkuliere ich für Begrüßung, Einleitung und eventuelle Fragen ein.
Bei 20 Minuten Lesezeit sieht es schon besser aus, da wären zwei kurze Szenen oder eine lange drin.
Ab 30 Minuten beginnt die Sache, mir deutlich mehr Spaß zu machen: Zwei bis drei ordentliche Szenen plus Erklärungen bzw. Überleitungen sind möglich.
Am komfortabelsten ist mir eine Lesedauer zwischen 40 und 60 Minuten, wobei ich natürlich nicht die ganze Zeit über lese. Hier liegt auch der unschätzbare Vorteil, wenn man im Buch ein bisschen hin und her springt: Dadurch, dass man immer wieder zur nächsten Szene frei sprechend überleiten muss, entspannt man seine Stimme, das macht wirklich ungemein viel aus. Man kann Dinge erklären, eventuelle Zwischenfragen beantworten oder auch ein bisschen was zu der Entstehung der Szene erzählen.
Wenn ich eine Stunde lesen soll, plane ich Text für 40-45 Minuten Lesezeit ein; das kommt bei mir immer sehr gut hin. Aber auch hier richtet sich das natürlich ganz nach dem Buch. Bei „Hexenherz“ erkläre ich zu Beginn eine Menge und auch immer wieder zwischendurch. Bei einem normalen Krimi etwa wäre das weniger der Fall, da müsste man sich dann etwas anderes zum erzählen überlegen oder mehr Text einplanen.

Meiner erste Lesung über 60 Minuten sah so aus; die reine Textlesezeit betrug mit den Nummern 1-5 circa 41 Minuten, hinzu hatte ich mir – weil mir noch die Erfahrung fehlte – zusätzliche Szenen aufgeschrieben. Da ich noch nicht viel Routine hatte und auch sehr nervös war, habe ich so schnell gelesen, dass ich alle Textstellen geschafft habe, 😀 Dabei ist das viel zu viel.

Überhaupt sollte man sich sehr genau überlegen, wie lange man lesen möchte. Nicht alle Bücher sind dafür geschaffen, dass man so lange aus ihnen lesen kann, ohne zu viel zu verraten!

Letzteres kann ich jedoch nicht empfehlen. Ich bin mittlerweile sehr geübt im lauten Vorlesen, merke aber nach spätestens 45 Minuten Lesezeit, dass es dann auch genug ist.
Davon, mehr als 20 oder 25 Minuten am Stück zu lesen, rate ich generell ab. Es gibt Menschen, die so lange konzentriert zuhören können, aber die meisten (so wie ich) werden dann zappelig. Da tut eine kleine Pause, in der der Autor frei erzählt, wirklich gut. Bei längeren Lesungen wird auch manchmal eine Kaffeepause gemacht oder musikalische Darbietung geboten, das ist auch immer sehr schön, wie ich finde.

Generell gilt, dass man jede Szene auch durch eine frei gesprochene Zusammenfassung oder Nacherzählung ersetzen kann. Das lockert die Lesung auf, schont die Stimme und sorgt auch dafür, dass man mit den Zuhörern besser in einen Dialog kommt.

So fülle ich heute eine 60 Minuten-Lesung: Text für 40-45 Minuten. So bleibt genügend Zeit für Einleitung, Überleitungenen zwischen den Kapiteln, Fragen der Zuschauer etc. Und falls dann immer noch Zeit bleibt, erzähle ich einfach noch etwas, z.B. was ich wie recherchiert habe. Wie Ihr seht, habe ich den Anfang ganz als Vorlesetext gestrichen, ich ersetze ihn mittlerweile durch freie Rede.

Die inhaltliche Auswahl der Textstellen ist oft schwierig. Man möchte spannende, fesselnde Stellen vortragen, die aber andererseits nicht zu viel verraten – warum sollten die Zuhörer sonst das Buch sonst überhaupt noch? Weiter muss der Zuhörer mit den wichtigsten Fakten vertraut gemacht werden, ohne dass er damit zugetextet wird.
Wie gesagt: Nicht einfach!

Zum Glück – siehe Teil 2 – kann man sich seinen Vorlesetext ja ganz individuell zusammenschustern.
Ich kreiere mal ein Beispiel:
„Marlon betrat seine Wohnung. Mit einem Seufzer rollte er seinen Koffer unter die Garderobe, hängte seinen Schlüssel an den dafür vorgesehenen Haken in der Wand und stieß mit dem Fuß die Tür hinter sich zu. Endlich wieder daheim! Er konnte es kaum erwarten, Jürgen anzurufen und ihm die gute Nachricht zu verkünden. Ob Ninas Brief schon angekommen war? Vor lauter Müdigkeit hatte Marlon völlig vergessen, den Briefkasten zu kontrollieren. Kurz haderte er mit sich, dann beschloss er, dass diese Angelegenheit bis Morgen würde warten können.
Er zog Schuhe und Strümpfe aus, räumte alles ordentlich weg und bückte sich nach seinen Pantoffeln. Da bemerkte er es. Es nur ein Hauch, der im in die Nase drang, ein winziger Schwall, der bereits nach einem Lidschlag an ihm vorbeigezogen war. Doch diese eine Sekunde hatte gereicht. Marlon kannte diesen Duft: Katja.“

Da ja nicht jeder von Euch mein Buch kennt habe ich hier mal aufgeschrieben, welcher Art die von mir gelesenen Szenen waren.

Mit dieser Szene kann man als Leser und Zuhörer etwas, aber nicht allzu viel anfangen. Es fehlen elementar Informationen, die der Szene erst wirklich Spannung verleihen. Die elementarste Frage ist an dieser Stelle, wie der Zuhörer Katjas Anwesenheit in Marlons Wohnung einzuordnen hat: Positiv oder negativ?
Wie ist das Verhältnis zwischen Marlon und Katja?
– Ist Katja mit Marlon verwandt, oder ist sie seine Frau/Geliebte/Lebensgefährtin, eine Freundin/Bekannte, eine Geschäftspartnerin/Assistentin/Chefin/Kollegin oder WAR sie einst etwas davon?
– Wusste Marlon, dass Katja in seiner Wohnung sein würde, hoffte er es, rechnete er damit oder rechnete er in keinster Weise damit, ist sie vielleicht sogar bei ihm eingebrochen?

Je nachdem, um wen es sich bei Katja handelt, könnten andere Personen der Szene interessant werden und müssten erklärt werden.
Wer ist also Nina?
-> Wenn Nina Marlons Freundin ist und Katja ebenfalls, könnte das interessant werden. In diesem Fall sollte Marlons Beziehung zu Nina vorher erwähnt werden. Die frei vorgetragene Einleitung für diese Szene könnte also lauten:
„Jetzt lernen Sie Marlon kennen. Marlon ist Mitte 30, ist Buchhalter einer mittelgroßen Firma für Baustoffe. Er lebt allein, ist aber seit einem halben Jahr mit Nina zusammen. Er kommt gerade von einer Dienstreise aus Frankfurt nach Hause.“
-> Wenn Nina Marlons von ihm getrennt lebende Frau ist, mit der er im Zuge einer Ehetherapie derzeit nur per Briefen kommunizieren darf und Katja seine Schwester ist, die einen Notfallschlüssel zu seiner Wohnung hat wäre es interessant zu wissen, wie sein Verhältnis zu ihr ist.
Die Einleitung könnte lauten:
„Jetzt lernen Sie Marlon kennen. Marlon ist Mitte 30 und Buchhalter einer mittelgroßen Firma für Baustoffe. Er lebt derzeit von seiner Frau Nina getrennt, sie machen aber eine Ehetherapie. Marlon kommt gerade von einer Dienstreise aus Frankfurt nach Hause.“

-> Nina könnte Marlons Schwägerin sein, die versprochen hatte, ihm eine Einladung zur Kommunion seines Patenkindes zukommen zu lassen. In diesem Fall sollte man, vor allem wenn man auf die Zeit achten muss, die Textstelle mit Nina ersatzlos streichen.
– Nina könnte die Privatdetektivin sein, die Marlon auf seine Noch-Frau angesetzt hat, um ihr Untreue nachzuweisen. Ist Katja diese Ehefrau?
„Jetzt lernen Sie Marlon kennen. Marlon ist Mitte 30 und Buchhalter einer mittelgroßen Firma für Baustoffe. Er hat sich vor kurzer Zeit von seiner Frau Katja getrennt und die Scheidung eingereicht. Seine Bekannte Nina, eine Privatdetektivin, soll Katja ausspionieren, um ihre Untreue zu beweisen. So könnte Marlon den für ihn sehr ungünstigen Ehevertrag aufheben lassen. In dieser Szene jetzt kommt er gerade von einer Dienstreise aus Frankfurt nach Hause.“

Hier dasselbe mit meinem aktuellen 60 Minuten-Lesungsplan.

(Ihr habt sicher längst festgestellt, dass ich die Einleitungen nicht in formschöner Schriftsprache verfasse. Die nützt einem nämlich bei freier Rede herzlich wenig und ich erachte es als wesentlich sinnvoller, sich seine Worte vorher so zurecht zu legen, wie man sie dann auch in der freien Rede benutzt. Elegante, kunstvoll verschachtelte und formschöne Sätze können in der schriftlichen Vorbereitung wunderbar funktionieren, sind dann aber als Gedankenstütze für freies Reden weniger zu gebrauchen.)

Auch was den ominösen Jürgen und die gute Nachricht, die es zu verkünden gilt, betrifft, kann man verschiedene Varianten durchspielen. Entscheidend ist immer, was der Leser zum Zeitpunkt, zu der er diese Szene hört, schon weiß und wissen soll. Und das hängt wiederum mit dem Text und der bisherigen wie auch der noch folgenden Textauswahl zusammen.
Informationen, die zu einem nicht weiter erwähnten Handlungsstrang gehören, haben bei der Lesung nichts zu suchen!

Hier jetzt noch einmal der Beispieltext in zwei Varianten:
1a) Einleitung:
„Jetzt lernen Sie Marlon kennen. Marlon ist Mitte 30, ist Buchhalter einer mittelgroßen Firma für Baustoffe. Er lebt allein, ist aber seit einem halben Jahr mit Nina zusammen. Er kommt gerade von einer erfolgreichen Dienstreise aus Frankfurt nach Hause.“

1b) Text:
„Marlon betrat seine Wohnung. Mit einem Seufzer rollte er seinen Koffer unter die Garderobe, hängte seinen Schlüssel an den dafür vorgesehenen Haken in der Wand und stieß mit dem Fuß die Tür hinter sich zu. Endlich wieder daheim! Er konnte es kaum erwarten, Jürgen anzurufen und ihm die von dem Vertragsabschluss zu erzählen.

Er zog Schuhe und Strümpfe aus, räumte alles ordentlich weg und bückte sich nach seinen Pantoffeln. Da bemerkte er es. Es nur ein Hauch, der im in die Nase drang, ein winziger Schwall, der bereits nach einem Lidschlag an ihm vorbeigezogen war. Doch diese eine Sekunde hatte gereicht. Marlon kannte diesen Duft: Katja.“
Hier habe ich Nina gänzlich herausgestrichen und den Satz mit Jürgen leicht verändert. Dass es sich bei der guten Nachricht um einen Vertragsabschluss handelt, wird sicher an späterer Stelle noch im Buch erwähnt, aber da haben ja die Zuhörer jetzt nichts von, daher gibt es diese Information hier. Ebenso könne man hier bei Bedarf einstreuen, wer Jürgen ist („seinen Bruder Jürgen“, „seinen Chef Jürgen“ etc.).

Nun eine andere Variante:

2a) Einleitung
„Jetzt lernen Sie Marlon kennen. Marlon ist Mitte 30 und Buchhalter einer mittelgroßen Firma für Baustoffe. Er hat sich vor kurzer Zeit von seiner Frau Katja getrennt und die Scheidung eingereicht. Seine Bekannte Nina, eine Privatdetektivin, soll Katja ausspionieren, um ihre Untreue zu beweisen. So könnte Marlon den für ihn sehr ungünstigen Ehevertrag aufheben lassen. In dieser Szene jetzt kommt er gerade von einer Dienstreise aus Frankfurt nach Hause.“
2b) Text:
„Marlon betrat seine Wohnung. Mit einem Seufzer rollte er seinen Koffer unter die Garderobe, hängte seinen Schlüssel an den dafür vorgesehenen Haken in der Wand und stieß mit dem Fuß die Tür hinter sich zu. Endlich wieder daheim!  Ob Ninas Brief schon angekommen war? Vor lauter Müdigkeit hatte Marlon völlig vergessen, den Briefkasten zu kontrollieren. Kurz haderte er mit sich, dann beschloss er, dass diese Angelegenheit bis Morgen würde warten können.
Er zog Schuhe und Strümpfe aus, räumte alles ordentlich weg und bückte sich nach seinen Pantoffeln. Da bemerkte er es. Es nur ein Hauch, der im in die Nase drang, ein winziger Schwall, der bereits nach einem Lidschlag an ihm vorbeigezogen war. Doch diese eine Sekunde hatte gereicht. Marlon kannte diesen Duft: Katja.“

Die Sätze, die sich auf Nina beziehen bleiben drin, der mit Jürgen fällt raus, weil er in dieser Variante an dieser Stelle überflüssig ist und den Zuhörer nur vom Wesentlichen ablenkt.

Hier habe ich versucht, meine Notizen für Euch in eine lesbare Form zu bringen, 😀 So ungefähr ist mein Lesungsablauf hinsichtlich reiner Lesung und freier Erzählung. Diese Auflistung ist allerdings nicht starr, sondern dient mir lediglich als Gedankenstütze.

Welche Textstellen man auswählt, muss man individuell schauen. Verallgemeinert bieten sich meist Textstellen an, in denen …
– der Hauptcharakter der Geschichte vorgestellt wird
– der Antagonist vorgestellt wird
– es besonders spannend zugeht
– der (Haupt-)Konflikt des Charakters sichtbar wird
– es besonders witzig zugeht
Diese Liste ist natürlich erweiterbar.

Es gibt immer Ausnahmen, aber ich rate davon ab, zu lange innere Monologe vorzutragen! Was einen beim Lesen in höchstem Maße in den Bann ziehen kann, kann beim Vortragen ganz gehörig schief gehen. Jeder sollte versuchen, sich an seine Schulzeiten zu erinnern und daran, was ihm am besten gefallen hat: Wenn ein Lehrer die ganze Schulstunde lang vor sich hindoziert hat, oder wenn es Abwechslung und „Action“ gab.
Meist eher Letzteres, oder?
Genau eine solche Mischung empfehle ich deshalb für die ausgewählten Textstellen: Das Verhältnis zwischen Dialogen und Handlung sollte – wie überhaupt fast immer – möglichst ausgewogen sein.

Stellt Euch vor, Ihr wärt der Zuhörer: Was würde Euch bei dem Buch am meisten interessieren? Oder fragt jemanden, der Euer Buch gelesen hat, welche Textstelle er besonders witzig, spannend, interessant fand.
Manche Autoren und Autorinnen haben bei Lesungen Angst, zu viel zu verraten oder schon das beste Pulver zu verschießen, aber das ist Quatsch: Natürlich sollt Ihr nicht schon bei der Lesung verraten, wer den Mord begangen hat, welche Motive der soziopathische Mörder hatte, dass Simon und Nadja zusammenkommen oder Fabian seine Angst überwindet. Aber bis auf die Hauptauflösungen seid Ihr fast vollkommen frei.
Denkt daran, dass die Auswahl Eurer Textstellen die eine Chance ist, Euer Buch den Zuhörern zu präsentieren. Niemand wird Euer Buch kaufen, weil er hofft, dass es noch besser ist, als Ihr es vorgestellt habt, oder?

Zusammenfassung:
– Die Textauswahl richtet sich nach Inhalt und Dauer der Lesung
– Für den Zuhörer hier und heute überflüssige Informationen sollten weggelassen werden
– Frei vorgetragene Übergänge zwischen den Szenen bieten der Stimme des Autors und den Ohren der Zuhörer Erholung
– Die Textstellen sollten sowohl Dialoge, als auch Handlung beinhalten
– Übt die frei vorzutragenden Teile praxisnah – elegant vorformulierte Sätze in Schriftsprache nützen Euch da nichts.
– Lieber die Lesungen fünf Minuten früher beenden, als mit einer Textstelle nicht fertig werden
– Eure Chance, die Leser zu von Eurem Buch zu überzeugen, ist hier und jetzt!

Ich hoffe, das war Euch hilfreich und ich habe jetzt nichts vergessen; ansonsten könnt Ihr einfach per Kommentar nachfragen. 🙂
Im nächsten Teil geht es dann um Dinge, die bei einer Lesung schief gehen können, wie man sie vermeiden kann oder wie man mit ihnen umgeht.