11 Fragen an the one and only Uwe Helmut Grave

Dieser Mann ist für mich eine Legende hinter einer Legende: Viele Jahre lang war Uwe einer der Hauptautoren hinter den von mir heißgeliebten „Gespenstergeschichten“ (wieso die bei Wikipedia auseinander geschrieben werden, ist mir ein Rätsel) und „Spukgeschichten“ (welche von meiner Schwester und mir immer irgendwie einander gegenübergestellt wurden, wobei sie eher die Partei der Gespenstergeschichten ergriff, während ich mich als Anhängerin von Arsat, dem Magier entpuppte, aber das ist wieder eine andere Geschichte).
Ich lernte Uwe in einem Schriftstellerforum kennen und schätzen. Uwe hat 33 Jahre lang vom Schreiben und Lektorieren gelebt, unter anderem verfasste er zahlreiche Ren Dhark-Geschichten.
Heute unterhält er mit Beiträgen im Forum, seinen Tweets und seinem neuesten und letzten Buch „Mr. Fitzgerald – Ist da wer?“ (Rezension von mir folgt).
Nun aber genug der Vorrede! Ich freue mich sehr, dass sich Uwe bereit erklärt hat, mir Rede und Antwort zu stehen – ich wünsche Euch viel Spaß mit diesem höchst vergnüglichen Interview! 🙂

Hallo Uwe!

MOIN, Monika!

Zuerst die Pflicht, lieber Uwe: stell Dich bitte kurz vor. 🙂

Uwe vorm Laptop.

Uwe Helmut Grave (Echtname – kein Pseudonym, kein Agenten-Deckname). Geboren 1955, gestorben 2015, wiederauferstanden ebenfalls 2015 (damit sollte man keine Zeit verlieren). Seit 36 Jahren verheiratet, kinderlos.
Nach diversen nichtssagenden Berufskostproben war ich ab dem 26sten Lebensjahr als freiberuflicher Schriftsteller, Lektor und Korrektor tätig, wobei ich mich innerhalb von 33 Berufsjahren langsam, aber stetig steigerte: Comics, Kurzgeschichten, Groschenromane, Taschenbücher, Bücher. Eventuell Bekanntes: Gespenstergeschichten, Der Bergdoktor, Pfarrer Schmieder, Gaslicht, Ren Dhark, Forschungsraumer Charr, Der Mysterious.

1..Lieber Uwe, als ich im Schriftstellerforum auf Deine Vorstellung stieß, war ich sofort begeistert: Du hast jahrelang die „Gespenstergeschichten“ … ja was eigentlich? Wie entsteht so ein Comicheftchen?

Bildchen malen, Sprechblasen dranpappen, Seiten zusammenheften – fertig. Noch was?
Na gut, für alle Begriffsstutzigen folgen jetzt noch ein paar Details.
Am Anfang war … das Exposé. Entwickelt wurde es ausschließlich von mir, ich war also der allerursprünglichste Urheber der betreffenden Gespenstergeschichte. Danach schlug erbarmungslos der Redakteur zu, ein gewisser Ewald Fehlau, der weit über die Grenzen seines trivialliterarischen Schaffens hinaus berühmt ist. Aus meinem hoffnungsvoll eingereichten Exposé-Stapel warf er üblicherweise die meisten weg und übergab mir den kläglichen Rest, um daraus ein Szenario anzufertigen …
Seufz, jetzt wisst ihr nicht, was das ist, gell?

Szenario = eine möglichst exakte Beschreibung der Bilder, und zwar nicht nur die Handlung betreffend, sondern auch das Layout, also die Größe und Anordnung auf der Seite. Kratzt sich auf einem rechteckigen, hochgestellten Bild der Protagonist am Hintern und ist dabei von Kopf bis Fuß zu sehen – ich hab’s beschrieben. Folgt danach ein rundes Bild mit einem großen Auge, aus dem eine Schmerzensträne gedrückt wird (weil‘s so juckt) – ich hab‘s beschrieben.

Das fertige Szenario bekam dann der Zeichner, der nunmehr die Bilder anfertigte, was vonnöten war, weil ich nämlich nicht zeichnen kann und weil Bilder in Comicheften laut einem uralten Aberglauben nahezu unverzichtbar sind. Anschließend fügte der Texter – mein Freund Hajo F. Breuer, der wie ich kurz vor seinem Sechzigsten starb, aber leider nicht mehr zurückkehrte – die Sprechblasen ein. Unser aller Geschichten erschienen dann unter den Labels Gespenstergeschichten Spukgeschichten in Form von Heften, Taschenbüchern und großformatigen Sonderausgaben. Lang, lang ist’s her. Autoren und Zeichner gab es mehrere (ich war einer von beiden Hauptautoren), getextet hat fast immer Hajo.

„Ren Dhark“ und die „Gespenstergeschichten“ – WOW!

2. Jetzt erschien „Mr. Fitzgerald – Ist da wer?“ im Aavaa-Verlag. Nach zahlreichen Ren-Dhark-Bänden hast Du damit für Dich literarisches Neuland betreten. Mal ehrlich: Wie schwierig oder einfach war es für Dich als alten Hasen, einen Verlag dafür zu finden?

So schwierig wie für jeden Neuling, der ein Produkt auf den Markt wirft, um das ihn niemand gebeten und auf das die Welt nicht gewartet hat. Was nutzen mir Kontakte zur unterhaltsamen Trivialliteratur – eine Bezeichnung, an der ich übrigens nichts Negatives sehe, was auch für „Groschenroman“ gilt –, wenn ich auf (für mich) gänzlich neuen Pfaden wandele? Abgesehen davon hätte ich nicht einmal dort wieder anknüpfen können, wo ich kurz vor meinem Tod aufgehört hatte, weil man meinen Leichnam bereits innerhalb von wenigen Tagen gefleddert hatte. The Show must go on – mit unbekannten toten Autoren kann man nun einmal keine Geschäfte machen, es musste umgehend Ersatz herbeigeschafft werden, weshalb ich das rigorose Absägen meines Astes niemandem übel nehme.

Der Fitzgerald-Roman beinhaltet so viele Facetten, dass er partout in keine Schublade passen wollte. Zu guter Letzt wurde er dem Genre Mystery zugeordnet, damit man wenigstens ungefähr weiß, in welche Richtung der Text abdriftet. Der Verlag hatte zunächst Fantasy vorgeschlagen, doch irgendwie trifft es das auch nicht. Hinzu kam, dass die Geschichte nicht wie eine gradlinige Erzählung, sondern mehr wie ein Puzzle aufgebaut ist, allerdings eins, das sich leicht zusammenfügen lässt, sodass alle Steinchen letztlich in einem Plot gipfeln.

Es gab ein paar wenige interessierte Kleinverlage, doch selbige wollten das, was ihrer Meinung nach nicht ins Schema passte, mit der Brechstange passend machen. Erst der Aavaa-Verlag gestand mir zu, alles so zu belassen wie es mir vorschwebte; dafür musste ich selbst für ein professionelles Lektorat und Korrektorat sorgen – und nun konnte ich endlich von meinen früheren Kontakten Gebrauch machen, denn ich kannte einen guten Lektor, der mir unentgeltlich zur Seite sprang (und der letztlich einen fehlenden Buchstaben sowie ein fehlendes dreibuchstabiges Wort übersah, wofür ihn meine Anwälte noch zur Rechenschaft ziehen werden). Anschließend ging der Roman ziemlich fix in Druck und ist seit dem 1. Oktober 2017 im Handel, rechtzeitig zum Weihnachtsfest: Der Tod auf dem Gabentisch.

3. Erzähl uns bitte, worum es Deiner Meinung nach in dem Roman geht!

Ich bin mir nicht sicher, ob ich während unseres Gesprächs bereits die Sache mit meinem Tod erwähnt habe – möglicherweise ist mir das schon mal rausgerutscht, nebenher, so ganz am Rande …

Im Klartext: Ich hatte ein Nahtod-Erlebnis, durfte einen Blick nach drüben auf die andere Seite werfen (ja, es gibt ein Jenseits!) und kehrte wieder ins Diesseits zurück. Offenbar wollte man mich nicht dortbehalten, obwohl ich gern geblieben wäre, denn es ist da gar nicht so übel – wie mein Protagonist Mister Fitzgerald des Öfteren betont.

Mein Nahtod ist der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Romans, aber es geht noch um mehr: um die Entstehung und Heilung von Depressionen, um die Auslegung von Bibelworten, um seltsame Geister, um den menschlichen Phantasie-Himmel, ja sogar um Gott … lauter Wahrheiten, die mir sowieso keiner geglaubt hätte, daher habe ich von vornherein einen Mystery-Roman daraus gemacht.

Leben

Vor einiger Zeit habe ich mich bei Twitter angemeldet und festgestellt, dass es mir da recht gut gefällt. Dass einem dort für die Kommunikation nur 280 Zeichen (einschließlich der Links und den Hashtags genannten Rauten) zur Verfügung stehen, ist eine echte Herausforderung, die mich vor ein kleines Problem stellte: Wie wirbt man mit so wenigen Zeichen in möglichst vielen verschiedenen Themenbereichen für ein Buch?

Klar, ich könnte jeden Tag zig Werbungen twittern, gleich mehrere zu jedem einzelnen Thema, doch damit würde ich den wenigen Verfolgern, die sich mittlerweile für meinen Account interessieren, wohl gehörig auf den Wecker fallen, denn sie bekämen dieselbe Werbung ja wieder und wieder zu sehen. Also beschränke ich mich auf zwei, drei Buchhinweise pro Tag, wobei jede zweite einen neuen Totenspruch enthält – beispielsweise Nachdenkliches wie „Das Leben erlischt, die Liebe nie“ oder Flapsiges wie „So, so, zu deinen Lebzeiten warst du also Band-Mitglied bei Die Toten Hosen – und jetzt möchtest du dich im Jenseits verbessern?“

Die andere Hälfte besteht aus einer Dauerwerbung, die sich dank gezielt platzierter Hashtags auf einen Schlag in elf Richtungen verstreut:
Seltsames Nahtod-Erlebnis. War es Mystik oder eine kuriose Depression? Was bewirkte die plötzliche Heilung? Ein Wunder? Geister und Engel? Wo beginnt man die Suche nach Gott? In der Bibel oder im Himmel?

(http://www.aavaa.de/Mister-Fitzgerald)

Womit ich in meine wortreiche Rede nunmehr den Verlagslink eingeschoben habe – den Link auf meine Twitterseite lasse ich sogleich folgen:

4. Welches Deiner Projekte ist Dir das Liebste?

Früher war es immer das, an dem ich gerade gearbeitet habe – weshalb es jetzt, o Wunder, Mister Fitzgerald ist. Die Gespenstergeschichten habe ich einst so gern gemocht, dass ich sogar geweint habe, als sie eingestellt wurden – was kurz vor der Jahrtausendwende beinahe meinen schriftstellerischen Untergang bedeutet hätte. Mittlerweile bin ich nicht mehr so eine Heulsuse, man nennt mich den Mann aus Stahl (also ich nenne mich so, weil mich sonst keiner so nennt).

5. Wie bist Du eigentlich zum Schreiben gekommen?

Schon in der Schule mochte ich Diktate und das Schreiben von Aufsätzen, was zumindest bei ein paar Lehrern Anklang fand; die anderen hatten halt keinen intellektuellen Zugang zu meinen Texten – sprich: Die waren zu blöd, meinen Kindergenius zu erkennen!

Später probierte ich mehrere Berufe aus, vom Einzelhandelskaufmann über den Soldaten bis zum Lagerarbeiter. Nach etwa zwanzig Versuchen nahm ich mit 26 mein Schicksal selber in die Hand und begann, zu schreiben …

6. Was war der schönste Moment in Deiner Schriftstellerkarriere – von welchem Moment träumst Du noch?

Zählen Albträume auch? Ein Gefühl der Freude empfand ich stets dann, wenn ich ein veröffentlichtes Werk in den Händen hielt, was sich leider im Laufe der Jahre immer mehr verlor, weil ich anfing, Veröffentlichungen als etwas Selbstverständliches zu betrachten – bis zu dem Tag, an dem ich mein Fitzgerald-Freiexemplar in der Hand hielt. Plötzlich war das einstige Hochgefühl wieder da!

Logisch, denn bis dahin hatte ich immer nur Auftragsarbeiten erledigt bzw. exakt das geschrieben, was der Markt verlangte. Nun aber ist endlich, endlich etwas entstanden, das einzig und allein mir selbst entwachsen ist. Na gut, die erwähnten Geistererscheinungen haben mir vermutlich geholfen, jedoch bezweifle ich, dass sie Urheberrechtsansprüche stellen werden.

„Mister Fitzgerald – ist da wer?“ rund um den Erdball zu verbreiten ist fortan meine Restlebensaufgabe. Laut Hausarzt und Kardiologe mache ich es nicht mehr lange, aber denen huste ich was! Erst wenn 99% der gesamten Menschheit mein Buch NICHT gelesen haben – bescheiden wie ich bin, genügt mir das verbliebene Prozentchen -, beiße ich ins Friedhofsgras, keine Sekunde früher, Pasta mit Pesto!

7. Wenn Du in Hinsicht auf Deine Karriere nochmal von vorn anfangen könntest – würdest Du etwas anders machen und wenn ja, was?

Wahrscheinlich wäre ich zu feige, das Ganze überhaupt noch mal in Angriff zu nehmen, denn gerade in der Anfangszeit gab es viele Stolpersteine, insbesondere finanzieller Natur. Andererseits wären mir viele interessante Erlebnisse und Lebenserfahrungen entgangen, hätte ich mich nicht auf dieses Wagnis eingelassen. Was also anders machen? Hm, ehrlich gesagt: null Ahnung. Ich vermute mal, dass die meisten Menschen Deppen sind, die bei einem Neubeginn wieder exakt dieselben Fehler machen würden wie zuvor; da schließe ich mich nicht aus.

So sieht es also bei Uwe zuhause aus …

8. Du sagst, dass Mr. Fitzgerald Dein definitiv letztes Buch ist. Fehlt Dir das Schreiben denn gar nicht?

Nö, denn irgendwas wurstelt man sich am Schreibtisch immer zurecht, sei es eine kleine Kurzgeschichte oder eine ausführliche Mail – oder ein Interviewtext wie dieser hier, der hoffentlich nicht bis zur Unkenntlichkeit zensiert wird.

9. Welche/n Tipps/s hast Du für angehende Schriftsteller oder solche, die noch ganz am Anfang stehen?

Schreiben, schreiben und nochmals schreiben, denn Texte, von denen man immer nur träumt, kann auch keiner veröffentlichen. Fertige Texte, die in Schreibtisch-Schubladen vergammeln, übrigens auch nicht.

Aber ganz egal, ob man zielgenau für ein bestimmtes Genre schreibt oder ob man überzeugt ist, letztlich würde man auch für einen ungewöhnlichen Text einen Interessenten finden: Wenn die handwerkliche Qualität nicht stimmt – und die fängt bereits bei der Rechtschreibung an! –, wird es echt schwierig.

Alles Weitere ist abhängig von sehr, sehr viel Glück und guten Geistern, was manche erfolgreiche Bestsellerautoren gern vergessen, wenn sie sich unentwegt damit brüsten, was für Könner sie sind; auch diese Klientel hat mal als kleiner Pfurz angefangen.

Uwes letztes Buch.

10. Welche Faktoren entscheiden Deiner Meinung nach über Erfolg oder Misserfolg? Und was ist Erfolg überhaupt? Wirtschaftlich ertragreich zu arbeiten? Ein Buch zu beenden?

Die letzte Teilfrage beantworte ich zuerst und überaus umfangreich: Ja.

Erst wenn dieser wichtigste aller wichtigen Erfolge eingetreten ist, kann man die Veröffentlichung in Angriff nehmen. Ob selbige wirtschaftlich ertragreich ist oder nicht, sollte nur eine untergeordnete Rolle spielen, es sei denn, man muss (wie einst ich) davon leben.

Und was die entscheidenden Erfolgsfaktoren betrifft: Würde ich die kennen, wäre ich der Guru aller Schreiberlinge, und meine Jünger dürften mich anbeten und mein Konto auffüllen.

Von der vielen Kohle gehen meine Frau und ich dann auf Weltreise – eine, von der wir nie wieder zurückkommen. Da der Megaerfolg von Mister Fitzgerald nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte, fangen wir schon mal mit dem Packen an.

11. Lieber Uwe, müssen wir alles, was du hier gesagt hast, wirklich ernst nehmen?

Nö. Nur das, was ich ernst meine.

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Wie man sich auf eine Lesung vorbereitet 2: Das Lesen an sich

(Hier der Link zu Teil 1: „Der Rahmen der Lesung„)

2. Das Lesen an sich
Wie bereitet man sich auf das Lesen an sich vor?
Meine erste Lesung, die über das Vorlesen von Gute Nacht-Geschichten u.Ä. hinausging war beim Vorlesetag in einer Grundschule und hatte nicht das Geringste mit meinen eigenen Texten zu tun. Ich las 3×20 Minuten – und hatte es mir irgendwie einfach vorgestellt, 😀
Halskratzen und eine raue Stimme waren die Folge, da half auch die Flasche Mineralwasser wenig. Was war passiert?
Ich hatte schlicht und ergreifend unterschätzt, wie lange so eine Stunde Vorlesezeit wirklich ist, zumal ich zu dem Zeitpunkt noch ungeübt war. Im Folgejahr klappte es schon besser und dieses Jahr dürfte ich da gar keine Probleme mehr mit haben, 😀
Das laute Vorlesen zu üben, ist also schonmal eine gute Idee.

Manche Kollegen und Kolleginnen schwören ja auf stilles Wasser mit einem Stückchen Ingwer drin, aber das habe ich noch nicht ausprobiert. Mir genügt etwas (stilles!) Wasser in Greifnähe, idealer Weise mit einem Glas dabei. Man sollte nie unterschätzen, wie trocken der Mund beim lesen werden kann!

Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist die Leseposition. Man sollte sich zwar nicht hinlümmeln, aber doch beim Lesen wohlfühlen. Ohne Tisch geht gar nicht!

Wie im Sternsaal bei der Lesung für die KÖB Allagen lese ich am liebsten: Im Sitzen hinter einem Tisch. 🙂

Man sollte nie unterschätzen, wie vorteilhaft so ein Tisch ist: Man kann seine Sachen darauf oder darunter abstellen, sich auf ihm abstützen und hat auch sein Wasser darauf parat. Außerdem ist so ein Tisch laienpsychologisch gesehen ein Schutz. Nicht, dass man vor seinen lieben Zuhörern beschützt werden müsste, aber man fühlt sich dann einfach besser.

Hier bin ich in Beckum und lese an/hinter/neben/wie auch immer einem Stehtisch. Ist nicht so mein Fall, aber besser als gar kein Tisch!

Viele Autoren sind irgendwann so routiniert in Sachen lesen, dass sie zu schnell vorlesen. Da man den Text bzw. die Textstellen, die man vortragen möchte, eingehend übt, ist das ja auch kein Wunder, sondern eine typische „Autorenkrankheit“ – doch was kann man dagegen tun?

Sich beim vorlesen filmen lassen
Man selbst hat immer eher das Gefühl , zu langsam zu lesen, dabei liest man in Wirklichkeit oft bereits zu schnell. Sieht und hört man sich dann selbst mal lesen bekommt man einen guten Eindruck von der eigenen Vorlesegeschwindigkeit.

Sich alle paar Absätze „Langsamer!“ in den Text schreiben
Funktioniert bei mir nur bedingt, aber einige Kollegen und Kolleginnen schwören drauf!

Sich den Text in größerer Schrift ausdrucken
Das soll angeblich auch helfen, bei mir nicht. Vielleicht sollte ich den Text im Gegenteil  KLEINER ausdrucken – da kurzsichtig draufkniepen zu müssen würde meinen Vorlesefluß sicher etwas bremsen, 😀

Sich von Zuhörern und/oder Kollegen/Kolleginnen regelmäßig Rückmeldung holen
Einfach mal die Zuschauer fragen: Wie habe ich gelesen? Wenn andere vorlesen überlegen, ob einem das Vorlesetempo angenehm ist und ob man selbst schneller oder langsamer liest. Vor allem auch in den Pausen auf das hören, was Zuschauer sagen: Oft tauschen die sich nämlich in den Pausen untereinander darüber aus, wie ihnen die Lesung bis jetzt gefällt.

Hier lese ich in Frankfurt/Dreieich einen „vormodelierten“ Text aus meinem Buch. So muss ich mir beim Lesen keine Gedanken machen, ob ich dieses wirklich weglasse oder was jene Markierung zu bedeuten hat.

Unabhängig von der Lesegeschwindigkeit bin ich mittlerweile ein großer Fan davon, mir den vorzulesenden Text auszudrucken. Das liegt einfach daran, dass ich selten einen „echten“ Text vorlese. Lese ich aus meinem Buch, kürze ich die Szenen meistens, entweder aus Zeitgründen, weil sie Informationen enthalten, mit denen der Leser hier und jetzt nichts anzufangen weiß oder weil sie zu viel verraten. Oder einfach aus dramaturgischen Gründen. Auch Kurzgeschichten müssen manchmal qualvoll gekürzt werden, weil das Zeitfenster sonst einfach nicht ausreicht. (Faustformel: Es ist IMMER besser, einen Text im Vorfeld zu kürzen, als ihn herunterzurasseln zu müssen!)
Daraus ergeben sich zig Striche und Verweise, Pfeile, Markierungen, Seitenblättern … Irgendwann wird es einfach unübersichtlich.

So sieht mein Vorleseexemplar mittlerweile von Außen aus. Innen wird es noch komplizierter …

Dann lieber den gerafften, gestrafften und zusammengeschriebenen Text ordentlich im Schreibprogramm zusammenstellen und ausdrucken.
Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass man den Text dann besser auf seine Vorlesbarkeit hin bearbeiten kann.
Es gibt Wörter, die sich ganz wunderbar lesen, aber fürchterlich aussprechen lassen. Außerdem – man frage mich bitte nicht, wieso – stolpern einige von uns über die einfachsten Wörter und normalsten Textstellen. Das merkt man ja, wenn man die Textstellen laut lesen übt, und kann dann die Stelle beim Vorlesetext einfach ändern.

Beispiele aus der Praxis:
– An einer Stelle ist bei „Hexenherz – EZ“ von einem Revolver die Rede. ich sage stattdessen aber beim Vorlesen immer „Knarre“. Einfach, weil es zu der Vorlesesituation und der Art WIE ich lese besser passt. Geschrieben sieht der Revolver allerdings deutlich hübscher aus, 😀

Das zweite Beispiel betrifft fast jeden Text: Dialoge.
Es gibt sie, jene begnadeten Autoren und Autorinnen, die mit ihrer Stimme perfekt die unterschiedlichsten Charaktere nachmachen können. Aber spätestens, wenn ein Mann eine Frau „spielt“, die Situation anders herum ist oder ein Erwachsener ein Kind nachmacht, kann das ganz schnell lächerlich werden. Von daher sollte man sich als Normalsterblicher (wie gesagt gibt es Menschen, die können das perfekt!) lieber von allzu viel Modulation in der Hinsicht fernhalten. Stattdessen halte ich es für besser, mit Ergänzungen zu arbeiten.

Im Originaltext steht zum Beispiel:
„Das ist in Ordnung“, sagte Antonia und wandte sich um. „Ich fange schonmal an.“
„Alles klar.“ Sebastian nickte. „Dann lass uns loslegen!“
„OK.“
„Möchtest Du das Rote oder das Grüne?“
„Rot bitte. Oder möchtest Du das?“
„Nein danke, ich hab ja schon das Blaue, danach kümmere ich mich dann noch um das Grüne!“

Spätestens an dieser Stelle hätte ich in einem Buch schon nachgezählt, wer jetzt nochmal genau am Ende was gesagt hat. Beim Zuhören, also ohne visuelle Stütze, wäre dieser Text nahezu unverständlich.
Daher empfehle ich zum einen, wann immer möglich direkte Reden am Stück vorzulesen.
„Das ist in Ordnung. Ich fange schonmal an“, sagte Antonia und wandte sich um.

Außerdem würde ich so viele direkte Reden wie möglich mit Zusätzen versehen, selbst wenn es sich dabei um das in der Schriftsprache eher verpönte „sagte er/sagte sie“ handelt.
„OK“, sagte Sebastian.

„Antwortete“ ist auch so ein Klassiker, aber hier muss ich gestehen, dass ich beim Vorlesen meistens über dieses Wort stolpere und es daher vermeide, siehe oben.

Insgesamt würde ich den obigen Text zum Vorlesen so abwandeln:
„Das ist in Ordnung“. Ich fange schonmal an“, sagte Antonia und wandte sich um.
Sebastian nickte. „Alles klar. Dann lass uns loslegen!“
„OK.“
„Möchtest Du das Rote oder das Grüne?“, fragte Antonia.
„Rot bitte. Oder möchtest Du das?“
Antonia winkte ab. „Nein danke, ich hab ja schon das Blaue, danach kümmere ich mich dann noch um das Grüne!“

Zusammenfassung:
– Zuhause das LAUTE Vorlesen üben
– Immer Wasser parat haben
– Auf einen Tisch bestehen
– Das Vorlesetempo testen
– Den Texte gegebenenfalls der Lesung anpassen
– Stolperwörter vermeiden
– Dialoge in „Hörform“ bringen
Verständlichkeit geht beim Vorlesen über Eleganz!

Im nächsten Teil geht es dann um die Dauer der Lesung und die Auswahl der Textstellen. 🙂

Wie man sich auf eine Lesung vorbereitet 1: Der Rahmen der Lesung

Wie bereitet man eine Lesung vor?
Natürlich meine ich damit nicht, was man anziehen soll (etwas Vernünftiges) oder wann man erscheinen sollte (überpünktlich), es geht um die inhaltliche Vorbereitung.

Es gibt 4 elementare Dinge, die dabei eine Rolle spielen: Der Rahmen der Lesung, das Lesen an sich, die Dauer der Lesung und die Frage, welche Textestellen man liest.
Nachtrag: Ich werde auch noch etwas zu Problemen bei einer Lesung schreiben.

1..Der Rahmen der Lesung
Checkliste in wilder Reihenfolge:
a) Wann findet die Lesung statt?
b) Wo findet die Lesung statt?
c) Was für eine Art Lesung ist es?
d) Aus was für Menschen wird das Publikum wohl bestehen?
e) Liest man allein?
f) Ist es eine „Verkaufslesung“ oder eine „Spaßlesung“?

Die ersten Punkte haben direkten Einfluss auf die Art des Textes, den man liest. Der erste Gedanke ist natürlich immer, aus seinem Buch vorzulesen. Es gibt Autoren, die auch tatsächlich „nur“ Romane schreiben. Ebenso gibt es solche, die „nur“ Kurzgeschichten schreiben. Beides ist vollkommen in Ordnung, aber man sollte sich schon die Frage stellen, ob der jeweils gewählte Text auch zu der Art der Vorlesung und zum Ambiente passt.

Ein Beispiel aus der Praxis:
Es ist nicht so lange her, dass ich bei einer wunderbaren Veranstaltung, dem „Lesen am Tresen“ im Don, einer lippstädter Bar lesen durfte. Das Ganze fand an einem Freitag Abend statt. Die Zuhörerschaft bestand aus überwiegend (aus meiner Perspektive :D) jungen Leuten. Die Stimmung war toll und da man für die Veranstaltung auch Eintritt zahlen musste, konnte man getrost davon ausgehen, dass zumindest die meisten einem auch zuhören würden. Jeder sollte 10-15 Minuten lesen dürfen.
Sobald ich die Wörter „Lesung“ und „10 Minuten“ höre, denke ich automatisch an die Kneipenszene aus „Hexenherz – EZ“, eine meiner Lieblingsszenen, die leicht gekürzt ein wunderbares 10 Minuten-Stück ergibt. Außerdem – so dachte ich – würde sie ja auch inhaltlich zu der Lokalität passen. Vom Inhalt her ist die Textstelle halb ernst, halb amüsant, also passt schon!

Ich hatte allerdings vollkommen unterschätzt, dass es Freitag Abend ist und die Leute einfach Spaß haben wollen! Ich hatte ein tolles Publikum und viel Applaus, aber im Nachhinein habe ich mich geärgert und gefragt, ob ich mit einer Kurzgeschichte nicht wesentlich besser gefahren wäre. Wenn man aus einem Roman vorliest, hat man meistens nur zwei Möglichkeiten: Man liest den Anfang vor oder man liest mitten aus dem Buch. In dem Fall müsste man den Zuhörern dann erst etwas erklären. Möchte man das bei einer solchen Veranstaltung?
Versteht mich nicht falsch, es war supertoll und vor allem die Slammer grandios! Aber das nächste Mal wähle ich meinen Text geschickter aus. Eine Kollegin hatte etwa eine lustige Kurzgeschichte gelesen und ein Kollege amüsante und intelligente kleine Reime – ebenso wie die Slams war das perfekt für so einen Abend!
Natürlich hat man gerade als Debütant das Bedürfnis, erst einmal das Buch zu „pushen“. Ob das aber immer so klug ist und ob man nicht doch besser manchmal auf einen anderen Text ausweicht und so zeigt, dass man allgemein gut schreiben kann, muss man eben schauen.

Die (Lese-)Bühne im DON. Erst lasen wir davor und dann – mit Kletterei – dahinter. War ein toller Abend – Danke an Maximilian, Ronja sowie das gesamte DON-Team, alle Mitvortragenden und das tolle Publikum! 🙂

Die Frage, ob man allein liest oder nicht ist natürlich elementar. List man zusammen mit Kollegen und Kolleginnen, muss man logischer Weise die Lesereihenfolge beachten. Man könnte sowohl stundenlang darüber diskutieren, welcher Leseplatz der strategisch beste ist, aber das habe ich mir immer schon gespart. Ich denke, am wichtigsten sind Stimmigkeit und gute Laune! Daher frage ich stets, ob einer freiwillig „eröffnen“ möchte. Je erfahrener ein Autor oder eine Autorin, desto besser könne sie in der Regel das Publikum begrüßen und die ganze Lesung einleiten. Und davon profitieren dann alle.

Im Idealfall ist das Motto der Lesung irgendwie vorgegeben, sei es thematisch (Z.B. „Unheimliche Geschichten“) oder nach Genre (z.B. Fantasy, Krimi). Hier kann es Sinn machen, das Lesungsprogramm möglichst abwechslungsreich zu gestalten, also thematisch ähnliche Geschichten oder Texte mit Abstand lesen zu lassen.

Wenn einfach „nur“ aus verschiedenen Büchern gelesen wird, ist es umso wichtiger, sich vor dem Lesen vorzustellen und so den Zuhörern die Möglichkeit zu geben, das soeben gehörte kurz zu „verdauen“ und sich auf die nächste Lesung einzustellen. Kurze Pausen sind immer besser als eine hastige Abfolge. Nach längeren Texten würde ich generell eine kurze Pause einlegen. Wir alle wissen wohl noch aus Schulzeiten, dass langes Zuhören am Stück ermüdend ist. 20, maximal 30 Minuten sind unsere Komfortzuhörerzeit, aber darauf gehe ich noch ein.

Eine meiner bislang coolsten Locations: Ein Kino! Links die Zuschauerplätze, rechts die Bühne.

Bliebe die letzte Frage: Liest man aus Spaß oder um seine Bücher zu verkaufen?
Beides natürlich, 😀
Liest man außerhalb einer Messe, sollte man immer versuchen, sich einen Büchertisch oder etwas in der Art zu organisieren, wo man seine Bücher ausstellen und verkaufen kann. Meiner Erfahrung nach ist es von großem Vorteil, wenn man auch Visitenkarten, Lesezeichen oder Ähnliches zum kostenlosen Mitnehmen anbietet. Viele Menschen kommen zu einer Lesung, um einen schönen Abend zu haben und nicht unbedingt, um etwas zu kaufen. Oder sie wollen in Ruhe überlegen, ob und wenn ja welches Buch sie kaufen möchten. Da kann eine Gedächtnisstütze nicht schaden. 😉

Zusammenfassung:
– Die Natur der Lesung würdigen
– Sich mit den anderen Vorlesern abstimmen
– Nicht zu lange am Stück lesen
– Bücher zum Verkauf und Visitenkarten/Flyer zum mitnehmen auslegen

Im nächsten Teil geht es dann um das Vorlesen an sich. 🙂